Freitag, 10. Juli 2009

Adoption und Öffentlichkeit

Einige Gedanken zum Adoptieren im Allgemeinen und zum Umgang mit Adoptionen in der Öffentlichkeit - von der Frau, deren geplante Adoption im vorigen Jahr gestoppt wurde. Stichwort Maulkorberlass. Deshalb keine Namen.



Im Vorfeld meiner Ado habe ich mich extrem damit auseinandergesetzt, was alle möglichen Leute über die Adoption sagen und habe das im Blog auch dargestellt und diskutiert.

Das wurde mir ja dann auch nachteilig ausgelegt von der
Adoptionsvermittlungsagentur. ... Weil meiner Ansicht nach diese Adoptionsvermittlungsagentur - Adoption für eine geheime Sache hält, oder zumindest dem intimen Bereicht dermaßen zuordnet, dass man dann der Umgebung im Fall einer Adoption erläutern muß, dass "dies schwarze Kind" soeben vom Himmel gefallen ist..... es gibt keine "Anwärmphasen zum Thema" für die Umgebung - egal wie weit der Kreis zu ziehen ist. Und mein Kreis war weit und es war für mich eine wichtige Erfahrung, bei der ich viel lernen konnte über die Menschen und ihre Ansichten zu Kindern und Adoptivkindern im Besonderen.

Ein Mensch sagte doch z.B. glatt zu mir: "Kinder sind wie kleine Hunde, die gewöhnen sich doch....."

Jedenfalls finde ich es lobenswert, dass z.B. www.pfad-bayern.de etwas zur Öffentlichkeitsarbeit der Adoptionen und des Pflegekinderwesens macht - um das Thema bewußt zu befördern in der Öffentlichkeit, damit es letztendlich zu mehr Adoptionen und Pflegekinderaufnahmen führen möge, weil jedes Kind ein Reicht auf eine Familie haben sollte, weil dies ein Kind immer in der Regel optimaler fördern kann als alles andere. Und die Vorurteile gegen Adoptivkinder sind alle nur solange gut, bis man auf die "Gene" der Leute selbst zu sprechen kommt, die Vorurteile äußern - dann sind sie meist still, weil vor dem Unbekannten, Mystischen haben die Meisten Menschen Respekt ;-)

Als ich mein Anerkennungsjahr (Beruf Nr.2) im Kinderheim für sehr schwierige Kinder gemacht habe - wurde mir klar, dass es eine Welt draußen gibt und eine Welt drinnen - von Leuten jeweils, die sich mit Kinderproblemen beschäftigen oder auch nicht, die sich Probleme von Kindern vorstellen oder auch herleiten können oder auch nicht. z.B. ist für mich als Bibliothekarin klar, dass Kinderliteratur durchaus von Erwachsenen gelesen werden sollte, weil es Kommunikation mit und von Kindern ist.

Und mir wurde klar, dass Kinder nicht in ein Heim gehören. Aber das manche Kinder niemals von manchen Menschen differenziert wahrgenommen werden können, wenn sie einen solchen Sack von Problemen herumschleppen. Einfacher ist da, man sagt, die Eltern sind gestorben oder gibt sonstwelche einfachen Varianten nach außen.

Beim Mittagessen in der Kantine hörte ich heute von einem sehr sehr schwierigen Kind und dass die Mutter jetzt erst zu einer Beratung geht- zwei Jahre zu spät meiner Ansicht nach - da das größere Kind (5) von diesen zwei Kindern den kleinen Bruder seit dessen Geburt vor zwei Jahren quasi unermüdlich "foltert".

Das problematische (große) Kind der Familie kann man nicht anders, als ein "goldenes Kalb" bezeichnen, um das alle herumtanzen, da es das lang ersehnte Kind nach Totgeburten, Fehlgeburten quer durch die Frauen dieser Familie war...alle vergötterten dieses (einzige) Kind - und setzten ihm dem Anschein nach keine Grenzen - vor zwei Jahren kam also ein weiteres Kind und das pisackt dieser größere Junge nun unerläßlich und brutalst und weint die ganze Zeit dazu und sagt wörtlich: Mich liebt ja niemand.

Wenn man dann nach der Deutung fragt im Kollegenkreis, was der Zusammenhang sein könnte - fällt niemand was ein, außer mütterlichem Versagen, Genen, etc.

Was ich damit sagen will - Adoptivkindern werden Probleme gerne zugeschoben, aber dass sie in anderen Familien auch gerne mal scheinbar gottgegeben vorkommen, dort aber nicht an der Adoption liegen können - ist auch klar. Bei der Adoption liegt es immer nahe, an was ein Problem liegt. Die Deutung ist dann so einfach - einfacher geht es nicht - und genauso billig ist es dann auch. Und hilft auch nicht weiter. Kein Stück.
Daher merkt man, wie dumm das ganze Konstrukt Adoptivkind=Problem letztendlich ist.

Selbst von Fachkräften wird das manchmal so gesehen, dass die Adoption ganz schnell der Grund ist für alles. Von einer Psychotherapeutin wurde mir mal gesagt, dass Adoptivkinder ihrer Ansicht nach eher unter straffälligen Menschen vertreten sind als andere, was nach meiner Ansicht schon ein Bullshit sondergleichen darstellt.

Der Unterschied zwischen dem unbesorgten - westlichen Kinderzeugen- und Aufziehen und einer Adoption liegt in der Beschäftigung mit dem Thema: Bei einer Adoption reden mehr Menschen mit und ich brauche schon GUTE ARGUMENTE, auch gegen die Vorurteilsflut gegen Adoption, die ich mir bei einem biologischen Kind in der Regel sparen kann, weil man dies als "natürlichen Vorgang" betrachtet. (Dass die "unvorbereitete" Natürlichkeit, die in aller Regel bei Eltern nachweisslich zu großem Stress führt - sei dahingestellt. Bei Adoption wird in aller Regel vorbeitet oder angeregt, was dann zu einer mehr oder weniger guten Vorbereitung führen kann, allerdings nicht bei Adoptionsorgansiationen, die grundsätzlich ein Problem mit Informationen und Austausch ihrer Bewerber haben.)

GUTE ARGUMENTE in der Adoption sind Argumente, die genauso gut einer Familie mit biologischen Kindern zugute kämen, wenn sie sich diese Gedanken denn machen würden. Gute Arguemente, die Fachkräfte, die mit Kindern umgehen - dringend brauchen, um Kindern - wie dem oben geschilderten Kind - helfen zu können.

Die Öffentlichkeitsarbeit ( ....von den Adoptiveltern selbst, den besonders verschwiegenen Adoptionsorgas, den Verbänden, den Fachkräften ?) zum Thema Adoption ist schauderhaft, ja sogar von Günter Jauch selbst, der es doch eigentlich besser wissen könnte.....aber wohl nicht wirklich kann. Hat er keine Freunde oder Bücher?

Wir merken alle an den Themen, die dämlich und dreist im TV vorkommen - selten durchdacht geschildert sind - und man merkt es auch an Vorurteilen, die alle ausnahmslos hören dürfen, die adoptieren - im Vorfeld der Adoption und gerne auch danach - wie kurzhirnig das Ganze immer wieder aufgenommen wird.

(Man beachte dazu die Historie der kürzeren Zeit zu Adoption, etwa in Zeiten der Soldatenkinder im zweiten Weltkrieg - da wundert es dann nicht, dass keine neuen Ansichten tradiert wurden, viel schief ging in diesen Adoptionen und immer noch schief geht.....weil das Leiden der Leute andauert.)

Und ich wage zu behaupten, dass ganz viele potentielle Eltern nicht so abgeschreckt wären, wenn es mehr differenzierte Adoptiveltern und Organisationen gäbe mit einer positiven Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Adoption. So geheim mag ich es persönlich dann wieder nicht bei einem so dringlichen Thema.

Mein Ziel mit meinem Blog war es - viel mehr Leute auf die für mich immer noch - überaus gute Idee der Adoption - zu verlocken. Dazu mußte ich mich aber auseinandersetzen, mit den Sprüchen, die da kamen.
Und mußte es persönlich und offen tun, denn ganz allgemein war da niemand anders, dem ich es hätte so gut nachfühlen können.

In meinem Bekanntenkreis finden sich z.B. eine 43jährige Witwe - etliche Singeles, die immerzu ihre Fingernägel auffüllen lassen (wenn man das mal zusammenrechnet, das reicht doch fast für eine Adoption, oder?) - Männer, die sich gut und gerne um ein Kind kümmern können - mit Frau oder ohne....und einige Teilfamilien, die sich wiederum mit Singles zusammentun oder versprengte Patchwork-Konstrukte, die mittlerweile älter sind und reifer und durchaus in der Lage wären.....

Und allen diesen verschiedenen Leuten wollte ich eine Vorstellung davon geben, dass es für ein Kind besser sein könnte, adoptiert zu werden - mit persönlichem Engagement - als in einem Heim in einem armen Landstrich zu verschimmeln - und diese Menschen wollte ich lediglich anregen, mal darüber nachzudenken, was denn ihr Beitrag für die Menschheit ist und ihnen die Angst auch vor Adoption zu nehmen, indem man die Probleme Adoptierter lösbar nach außen darstellt. Dazu bedarf es aber oft des Eintauchens in Ecken der Pädagogik, die sich viele Menschen sparen, weil lesen - haaaaaaaaaaaaaaaaach ist das anstrengend, oder?

Mein Eindruck ist aber immer mehr - dass es eine Hab-Ich-Mentaliät von Adoptiveltern gibt.
Sie haben ihr Kind adoptiert und dann ist das Thema erledigt, bis es sie - nach Aussage von Frau Traudl Junge von PFAD Bayern - in der Pubertät ihres Adoptivkindes kalt erwischt. Und sie dann die Themen bearbeiten müssen, die bei Pflegekindern eher und dauernd auf dem Tapet sind.

Ich würde mir mehr positive Öffentlichkeitsarbeit (von wem auch immer, aber am ehesten von Adoptionsorganisationen selbst, weil es für sie auch finanziell wichtig ist, da wäre es nur billig.....) für Adoptivkinder wünschen - damit mehr adoptiert werden können und es nicht mehr nur bei einer kleinen - meist auch finanziellen oder intelektuellen Elite bleibt - zu adoptieren. Man kann sehr viel lernen bei einer Adoption - erfreuliches, manchmal magisches - man lernt hilfreiches und auch mitunter ganz unerfreuliches - aber man lernt wohl tendenziell mehr als biologische Eltern. Das ist ein großer Gewinn für die ganze Gesellschaft ;-)


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo, schön wieder etwas zu hören von dem sehr erfrischenden Blog, der letztes jahr so plötzlich von der Bildfläche verschwand. Als ich dann zufällig hier von den Gründen hörte, war ich entsetzt. Ich bin selbst Adoptivmutter, und hoffe, daß die Adoption noch gelingt! Schöne Grüsse an die Bibliotekarin und last but not least herzlichen Glückwunsch zur Murkeline!
Michaela

acoma hat gesagt…

Danke für die Glückwünsche! Und der Gruß wird bestellt. Ob die Bibliothekarin allerdings noch einmal eine Adoption in Angriff nehmen wird, ist im Moment noch ungewiss, erst mal muss sie sich sammeln und sortieren. So etwas dauert.