Samstag, 20. September 2008

Gläserne Frau


Die Gläserne Frau galt in meinem Dunstkreis als Bild der Offenheit und Aufgeschlossenheit, des Vertrauens Freunden gegenüber, der Transparenz der eigenen Lebensentscheidungen. Gläserne Frau versus verschlossener Geheimniskrämer.

Bloggen ist etwas Seltsames. Wenn man ein Tagebuch schreibt, das man in der untersten Schreibtischschublade versteckt, fühlt man sich sicherer, über Gefühle, Gedanken und Unklares zu schreiben, ohne sich selbst zu zensieren.

Bei einem Blog weiß man, dass man öffentlich schreibt, ohne wirklich zu wissen, wer tatsächlich mitliest. Sind es ein paar Wildfremde, die zufällig im Netz herumstreunen? Sind es Leute, die gezielt einen Begriff in die Suchmaschine eingegeben haben und so im Blog gelandet sind? Sind es Leute, die regelmäßig mitlesen, oder welche, die mal kurz einen Blick hineinwerfen und dann weitersurfen? Sind es Bekannte, Freunde, Kollegen, die einen und vielleicht gar sich selbst in den Blogeinträgen erkennen?

Noch weniger weiß man, wie das Geschriebene aufgenommen wird. Finden die Leser es spannend oder langweilig, lesen sie mit mildem Interesse, mit Empathie oder mit Empörung? Die wenigstens nutzen die Kommentarfunktion, um eine Rückmeldung zu geben. Der Rest bleibt im Dunkeln. Und lässt einen beim Schreiben manchmal innehalten. Unbewusst, manchmal auch bewusst, zensiert man sich, kontrolliert das, was man preisgibt von sich selbst und seinem Leben.

Trotzdem fühl ich mich ein bisschen wie die Gläserne Frau. Die übrigens in Dresden im Hygienemuseum wohnt.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

hi,

nach deinem Eintrag 'Bitter und süß' war ich ziemlich geplättet. Und hatte dann eher Rede-, Nachfrage- und Zuhörbedarf als dass ich was hätte kommentieren wollen oder auch nur können.
Nein, es ist nicht im Nirvana verschwunden.
Du öffnest dich in diesem - offenen - Blog mehr als in dem geschlossenen Raum einer Group.
Wohl kaum eine Frau, noch dazu single und unfreiwillig kinderlos, kann sich vorstellen, was du erlebt hast.
Möchtest du, dass nachgefragt wird? Wie würdest du dir Dialog oder Feedback wünschen?

do_ret

acoma hat gesagt…

Dialog und Blog passt nicht zusammen, das ist mir schon klar.
Habe nur versucht, das merkwürdige Gefühl in Worte zu kleiden, dass sich einstellt, wenn man darüber nachdenkt, dass man keine Ahnung hat, wer das alles liest.
Bei dir weiß ich ja, dass du mitliest. Da wollte ich jetzt um Himmels Willen keine Pflicht zum Kommentieren einfordern.