Der erste Frühlingstag in diesem Jahr, das Cafe in der Großstadt ist mäßig besetzt, nur in einer Ecke müssen Tische zusammengerückt werden, damit zehn Stühle darum passen. Zehn Frauen, zehn Biografien. Fünf von ihnen haben eine Katze, eine einen Hund, eine ein Pferd und eine ein Kind.
Ein Kind wollen sie alle. Nur haben sie alle keinen Mann dazu. Daher kennen sie sich, haben sich übers Internet über ihre Möglichkeiten, Träume und Zweifel ausgetauscht. Und wollen jetzt die Gesichter ihrer virtuellen Fast-schon-Freundinnen sehen. Eigentlich sind sie alle ganz unterschiedlich, von ihrer Lebensgeschichte, von ihrer Herkunft, ihrer sozialen Stellung, ihren Interessen her. Aber das spielt keine Rolle, weil es etwas Gemeinsames gibt, das wichtig genug ist, die Unterschiede vergessen zu lassen: den Wunsch nach einem Kind.
Anke ist die Neue, gerade erst vor ein paar Monaten hat sie sich von ihrem Partner getrennt, der wollte, dass sie abtreibt, was sie nicht wollte, und durch den Streit kam es zu einer Fehlgeburt. Nun ist sie Single und überlegt, ob sie einen Samenspender übers Internet suchen soll oder nach Dänemark in eine Klinik, um sich mit Spendersamen inseminieren zu lassen.
Wera ist mit Mitte vierzig die Älteste, dynamisch und energisch, weil sie weiß, wie ihr die Zeit wegrennt. Sie hat lange über Anzeigen und Internet nach einem geeigneten Samenspender gesucht und geriet immer wieder an merkwürdige Gestalten, bis sie endlich einen vertrauenswürdigen Mann fand, der bereit ist, ihren Kinderwunsch erfüllen zu helfen. Und dann stellten die Ärzte fest, dass Wera ein großes Myom hat, das operiert werden sollte. Und dass es bei ihr Probleme mit der Eizellreifung gibt, so dass sie über eine Eizellspende nachdenken sollte. Wera kämpft weiter, das Myom ist raus und sie wird im Mai mit der vorbereitenden Hormonbehandlung für eine In-Vitro-Fertilisation beginnen.
Antje ist eine Erfahrene. Sie hat schon zwei Inseminationen und eine In-Vitro-Fertilisation in dänischen Kliniken hinter sich, erfolglos. Einmal war sie fast schwanger, doch dann nisteten sich die Zellhäufchen doch nicht ein, um zu einem Baby heranzuwachsen. Nach diesem Gefühlschaos hat sie nicht aufgegeben, in wenigen Wochen wird sie den nächsten Versuch starten. Und versucht, anderen Mut zu machen, auch indem sie sich für einen Dokumentarfilm zur Verfügung stellte, der in einigen deutschen Fernsehsendern lief und wiederum etliche andere Frauen ermutigt hat, sich auch als Single um die Erfüllung ihres Kinderwunschs zu kümmern.
Dagmar ist die Glückliche. Finden die Anderen - und sie auch. Sie hat einen einjährigen Sohn, der sie auf Trab hält und dessen Vater ein Mann ist, der sich als Samenspender zur Verfügung stellte, weil er sich selbst Kinder wünschte. Eigentlich hatte sie eine Adoption geplant. Heute lebt sie Optimismus vor und sagt, Singlefrau mit Kind zu sein ist deutlich einfacher als Singlefrau ohne Kind, und wischt damit alle Bedenken der noch Zweifelnden beiseite.
Ella ist bisher noch auf der Suche nach dem Gesamtpaket gewesen: VaterMutterKind. Aber jetzt ist ihre selbst gesetzte Frist der Singlebörsenzeit, der Dates und Beziehungsanbahnungsversuche vorbei. Keiner der Männer, die sie kennen gelernt hat, wollte sich wirklich auf eine Beziehung – mit Kind- einlassen. Nun muss sie doch allein zum Kind kommen. Die ersten Gespräche mit einem schwulen Freund, der vielleicht als Kindsvater fungieren würde, laufen.
Bettina ist einen Schritt weiter, sie hat über Anzeigen schon einen Spender gefunden, der auch eine aktive Vaterrolle übernehmen möchte. Nur dann stellte sich heraus, dass ihm die Grundzüge der menschlichen Fortpflanzung nicht so geläufig sind, dass ihm klar wäre, dass eine Empfängnis nur zu einem ganz konkreten Zeitpunkt möglich ist. Und dass er zu diesem Zeitpunkt eben auf seine Lieblingsfernsehserie verzichten und zehn Minuten seiner kostbaren Zeit opfern muss. Also sucht Bettina jetzt einen zweiten Spender, obwohl der erste sonst sympathisch und perfekt wäre, bis auf seine Zuverlässigkeit, aber die ist ihr wichtig, weil ihr Organismus nur aller paar Monate einen Eisprung auslöst.
Veronika ist noch zweifelnd, ob sie sich den Weg allein zutrauen soll. Lange hat sie überlegt, alles abgewogen, und wurde wieder entmutigt, weil eine Freundin entsetzt auf ihre Pläne, alleine Mutter zu werden, reagierte. Im Gespräch am Ecktisch fasst sie neuen Mut und geht danach zu ihrem ersten Gespräch mit dem Spender, den sie über eine Anzeige gefunden hat.
Michaela braucht gerade einen langen Atem. Sie hat schon acht erfolglose Versuche hinter sich, ohne das die Ärzte erklären könnte, warum es nicht klappt. Und nachdem sie nach den Inseminationen und der aufwändigen Spendersuche endlich, wie Bettina, den scheinbar perfekten Spender gefunden hatte, stellte sich heraus, dass der zwar unlängst erst ein Kind gezeugt hatte, jetzt aber eine so schlechte Spermienqualität hat, dass die Mediziner von zeugungsunfähig sprechen.
Petra sucht noch, sie hat ihre eigenen Vorstellungen, welche Bedingungen ihr Spender erfüllen soll, und schreibt auf Anzeigen und hofft, den richtigen Spender zu finden.
Sabine ist guter Hoffnung. Sie schiebt einen dicken Babybauch vor sich her und wartet auf die Geburt ihrer Tochter. Immer war sie mit Männern zusammen, die keine Kinder wollten, dann entschied sie sich für den Weg der künstlichen Befruchtung und hatte nach mehreren Versuchen per In-Vitro-Fertilisation im Ausland Erfolg.
In Deutschland gibt es weit mehr als diese zehn Singlefrauen mit Kinderwunsch. Die meisten sind Einzelkämpfer, Einzelzweifler, Einzelentscheider. Einige tauschen sich aus, treffen sich in stickigen Cafes und nehmen Mut mit nach Hause und das Bewusstsein, kein Alien zu sein, sondern eine normale Frau mit normalen Problemen und normalen Bedürfnissen.
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