Samstag, 24. Januar 2009

Auf der Couch

Nee, nicht auf der Psychologencouch. Seit ich nicht mehr im Dauerstress bin und es außerdem immer realistischer wird, dass ich bald ein Kind in meinem Leben haben werde, ist meine Seelenlage so ausgeglichen wie Jahrzehnte lang nicht. Diese innere Ruhe hätte ich durch eine psychologisch begleitete Aufarbeitung verdrängter frühkindlicher Konflikte wohl kaum erreicht.

Ich lagere auf der heimischen Couch und habe so wenig zu tun wie kaum. Eine Umstellung nach einer 50-Stunden-Arbeitswoche im Vollzeitjob plus ca. 20 Stunden Nacht- und Wochenendarbeit für den Nebenjob, nach vielen Stunden pro Woche in Auto und Zug (das stressige Pendeln zur Arbeit), nach Aufstehen früh um 6.00 oder früh um 4.00, je nachdem, ob ich von zu Hause oder vom "Wohnsitz am Arbeitsort" zur Schicht gedüst bin, ohne Wochenendseminare wegen Fernstudium, ohne Befruchtungsreisen nach Dänemark und ausgefeiltes Timing für Arztbesuche zur Prüfung der Follikelsprungbereitschaft, ohne Reisen und Sport, weil ich Anstrengungen zu Gunsten komplikationslosen Brütens meide... Und das Überraschende: das tut mir gut! Ich fühle mich nicht mehr abgehetzt, ich habe nicht mehr das Gefühl, dass das Leben an mir vorbeizieht (obwohl's ja durchaus an meiner Couch vorbeizieht), ich habe wieder tausend Ideen und Pläne, was ich im Leben denn noch alles anfangen könnte (ohne dass ich auch nur die Hälfte davon umsetzen müsste), habe wieder Lust zu reisen - und bin raus aus dieser Dauererschöpfung, dieser nicht weg zu bekommenden Müdigkeit.

Die ersten Wochen "auf der Couch" war ich noch gut ausgelastet: liegen gebliebener Papierkram ohne Ende, Weihnachtszeit, Besuch, ein Großauftrag im Nebenjob. Doch nun ist das Meiste abgearbeitet, den Nebenjob muss ich absurder Weise ruhen lassen (obwohl ich endlich mal Zeit dafür hätte), weil mir sonst das Arbeitslosengeld gestrichen werden würde und das wiederum kann ich mir nicht leisten, da der Nebenjob nicht genug einbringt, um mich privat zu versichern.

Aber ich habe mich mit der Ruhe angefreundet. Genieße sie. Und habe das Gefühl, wieder zum Leben zu erwachen nach Jahren in der Tretmühle.

Harald Martenstein hat das vor Kurzem so beschrieben:
Jahrtausendelang haben die Menschen Arbeit als unangenehme Notwendigkeit angesehen, als unfreie Zeit. Nach der Arbeit fing das Leben an. Seit einigen Jahren werden uns, den Männern wie den Frauen, Berufstätigkeit und Karriere als der wichtigste, nein, fast der einzige Weg zur Selbstverwirklichung und zu einem erfüllten, lebenswerten Leben verkauft. Bei einer Ministerin oder einem Topmanager ist das nachvollziehbar, interessante Jobs, super Bezahlung. Oder Künstler! Oder Artisten! Schafhirten! Redakteure! Die meisten leben anders. Wenn sie schlecht bezahlt an der Supermarktkasse sitzen, oder, dank einer Karriere, etwas besser bezahlt in langweiligen Konferenzen, wenn sie Bilanzen erstellen, Kaffee kochen und Regale putzen, wenn ihr Chef sie anschnauzt, während ihr Kind irgendwo betreut wird, dürfen sie sich immerhin sagen: "Ich verwirkliche mich. Ich lebe richtig. Ich bin emanzipiert." Arbeit macht frei, sagten die Nazis. Inzwischen glauben das alle.
(Tagesspiegel, 18.01.2009)

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi,
nun hast du den ersten Teil von Martensteins Kolumne unterschlagen, der war nämlich auch klasse!

Hätte nicht übel Lust, den von dir veröffentlichen Teil am schwarzen Brett an meinem Arbeitsplatz zu veröffentlichen: Dort, wo die Anwesenheitskultur noch gepflegt wird.

Schön, dass es dir gut geht und dir neue Energien zuwachsen. Schlunz ahoi wünscht

do_ret

acoma hat gesagt…

Unbedingt ans schwarze Brett! Guter Toleranzschwellentest ...

Ich hab denn mal die Kolumne noch verlinkt, zum Nachlesen des ersten Teils.

Weiterhin frohes Maßhalten bei der Selbstverwirklichung ;-)

acoma